Erforschung der Provenienzen des Gemäldebestandes der Städtischen Kunstsammlung Darmstadt
Das 1976 gegründete Institut Mathildenhöhe bewahrt, verwaltet und ergänzt fortwährend die Städtische Kunstsammlung Darmstadt. Aktuell umfasst die Sammlung etwa 20.000 Werke verschiedener Gattungen aus der Zeit der Romantik bis zur zeitgenössischen Kunst. Die Provenienzen der Werke sind nur in wenigen Einzelfällen erforscht. Dank der großzügigen Förderung durch das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste konnte im Rahmen eines Projektes zur Provenienzforschung ein Teil des Gemäldebestandes aus der Städtischen Kunstsammlung Darmstadt erstmals systematisch auf NS-verfolgungsbedingt entzogene Werke untersucht werden.
Entstehungsgeschichte der Städtischen Kunstsammlung Darmstadt
Grundstein für die Städtische Kunstsammlung Darmstadt war das Stadtmuseum, welches 1909 eröffnet wurde. Ab 1917 wurden seitens der Stadtverwaltung außerdem Werke von Darmstädter Künstlern für die Ausstattung von Räumen erworben. Auf Initiative des Künstlers Adolf Beyer (1869-1953) wurden 1937 bereits länger diskutierte Pläne zur musealen Präsentation der in städtischem Besitz befindlichen Kunstwerke realisiert. Die Städtische Kunstsammlung eröffnete am 26. Mai 1937 im Ausstellungsgebäude auf der Mathildenhöhe und war wohl bis 1944 öffentlich zugänglich. Auch nach Ende des Zweiten Weltkrieges bemühte sich die Stadt Darmstadt, ihre Kunstsammlung weiter auszubauen. Sammlungsschwerpunkte sind die Darmstädter Malerei seit 1800, Kunst und Kunsthandwerk der Künstlerkolonie Darmstadt, Expressionismus sowie zeitgenössische Kunst.
Projektziele und Ergebnisse
Im Rahmen des Projektes wurden erstmalig die Provenienzen der Objekte der Städtischen Kunstsammlung Darmstadt systematisch erforscht. Im Fokus standen dabei 529 Gemälde, die vor 1945 entstanden und nach 1933 in die Sammlung gekommen sind. Die Gemälde wurden von insgesamt 348 Personen erworben und größtenteils nach 1945 aus Privatbesitz angekauft. In vielen Fällen fehlten Angaben zur Provenienz und zu den Erwerbungsumständen.
Bei Projektbeginn gab es für kein Gemälde eine lückenlose Dokumentation der Besitzverhältnisse im Zeitraum 1933 bis 1945. Durch das Forschungsprojekt konnte ein NS-verfolgungsbedingter Erwerb bei 22 Gemälden ausgeschlossen werden. Die Besitzverhältnisse zwischen 1933 und 1945 lückenlos zu klären, gelang bislang bei 13 Werken. Für zahlreiche weitere Gemälde wurden umfassende neue Informationen zu den beteiligten Künstlerinnen und Künstlern, Vorprovenienzen, Besitzverhältnissen und Erwerbungsumständen recherchiert und dokumentiert.
Verdachtsfälle und Restitutionen
Bei Projektbeginn war bereits ein Werk aufgefallen, dessen Erwerbungsumstände eine tiefergehende Prüfung nahelegten. Nach intensiven Recherchen wurde der Anfangsverdacht bestätigt. Die Provenienzprüfung des Gemäldes Templerschloss von Eugen Bracht (1842-1921) ergab Hinweise auf einen NS-verfolgungsbedingten Erwerbungszusammenhang. Eine Erbenrecherche konnte erfolgreich durchgeführt werden und die Stadt Darmstadt bereitet die Restitution des Gemäldes vor.
Ein weiteres Gemälde von Eugen Bracht wurde als Verdachtsfall ermittelt. Die Provenienzprüfung des Werkes Hannibals Grab ergab, dass dieses im Jahr 1988 aus dem deutschen Kunsthandel erworbene Werk, aus der Sammlung des Arztes Dr. Siegfried Goldschmidt (1874-1945 für tot erklärt) stammt. Goldschmidt war jüdischer Abstammung und wurde während der NS-Zeit verfolgt. Gemeinsam mit seiner Ehefrau Martha Goldschmidt geb. Itzigsohn und seiner Pflegetochter Ingeborg Wollstein wurde er im September 1942 von Berlin aus in ein Vernichtungslager deportiert und ermordet. Goldschmidt besaß bei seiner Deportation wohl zahlreiche Gemälde von Eugen Bracht, mit dem er persönlich befreundet war. Das Gemälde Hannibals Grab könnte unter diesen Werken gewesen sein und wird in der Datenbank Lost Art publiziert.
© Institut Mathildenhöhe Darmstadt, Juli 2020